Berlin am 11.6.13

Moderator: letitbe

Berlin am 11.6.13

Beitragvon shana » 16. Jun 2013, 10:56

http://www.deutsche-mugge.de/live-beric ... erlin.html

Diese Kritik ist so toll, dass ich sie hier mal komplett reinkopiere:
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Abgenabelt und eigenständig
Normalerweise wäre es eine pure Verschwendung meiner und Eurer kostbaren Zeit, an dieser Stelle auch nur ein Wort über die allseits bekannte RTL-Telekom-Dauerwerbeveranstaltung namens DSDS zu verlieren.

Und dennoch lässt es sich im Rahmen der folgenden Berichterstattung über das Konzert von THOMAS GODOJ nicht vermeiden. Aber ich mache es kurz, versprochen. Jener THOMAS GODOJ nämlich durfte sich 2008 die Siegerkrone dieses fragwürdigen Spektakels überstreifen. Der entscheidende Unterschied zwischen ihm und den anderen Gewinnern, die es im Laufe der Jahre gab, besteht allerdings darin, dass GODOJ den Popularitätsschub nutzte, um sich in akribischer Kleinarbeit eine eigenständige Karriere fernab des Bohlenschen Dunstkreises aufzubauen. Dabei kam ihm sicherlich zugute, dass er bereits vor DSDS zwei Bands hatte, von denen vor allem WiNK schon über eine ordentliche Fan-Base verfügte. Dieser Tage erschien bereits das vierte Solo-Album von THOMAS GODOJ, was auch der Grund für die derzeit laufende Tour ist.

Ich gestehe, dass besagter Herr GODOJ schon seit geraumer Zeit unter meinem Beobachtungsschirm Platz gefunden hat. Mir fiel durch einen simplen Zufall sein 2011er Album "So gewollt" in die Hände. Auf diesem Album befinden sich einige Nummern, die trotz anfänglicher Skepsis schnell mein Interesse, und nach näherer Beschäftigung mit der Materie auch einige Sympathien für diesen Typen weckten. Den DSDS-Schatten leugnet er nicht, warum auch? Diese Zeit gehörte halt zu seinem Leben. Aber er hat sich aus diesem Schatten freigekämpft, hat einen Schritt nach dem anderen gemacht auf dem Weg zu einem eigenen Profil und ist heute ein total eigenständiger, durchaus ernstzunehmender Musiker. Am gestrigen Dienstag schlug der GODOJ-Tross nun auch in der Hauptstadt auf, und ich dachte mir, geh einfach mal hin und schau Dir an, ob sein Ruf als exzellenter Live-Act gerechtfertigt ist.

Der harte Kern war schon da
Ich war wie immer etwas früher vor Ort. Als ich am Postbahnhof eintrudelte, bot sich mir ein imposantes Bild: vor dem Eingang saßen bereits eine Menge Leute auf mitgebrachten Klappstühlen, Kisten oder einfach am Boden. Vermutlich hockten die schon seit geraumer Zeit da. Es war unschwer zu erkennen, dass es sich dabei um den harten Kern der GODOJ-Fans handelte. Interessant, dass die Altersstruktur dieser Fangruppe sich relativ breit streute. Von Anfang 20 bis jenseits der 40 war alles vertreten. Aus den geführten Gesprächen konnte man dann auch entnehmen, dass viele von ihnen ihrem Idol auf dieser Tour von Auftritt zu Auftritt hinterher reisen. Nun strandeten sie also auch in Berlin. Mich wunderte allerdings die dafür gewählte Location. In den Postbahnhof passen in der Stehplatz-Kuschelvariante ca. 800 Leutchen rein. Dann wird zwar die Luft knapp, aber das ultimative Erlebnis, inmitten eines schweißtriefenden Publikums ein Konzert erleben zu dürfen, hat man dafür gratis. Jedenfalls schaffen es im Event-verwöhnten Berlin nicht allzu viele Künstler, den Postbahnhof zu füllen. Ohne THOMAS GODOJ und seinen Fans zu nahe treten zu wollen, hätte ich wohl den Frannz-Club oder das Maschinenhaus für passender gehalten. Und siehe da: die Türen zum großen Saal des Postbahnhof blieben geschlossen, stattdessen war das Instrumentarium auf der Bühne des deutlich kleineren Saales aufgebaut. Eine weise Entscheidung, denn als ab 20:50 Uhr die unvermeidliche Vorband um die Gunst des Publikums buhlte, war der Raum sehr gut gefüllt.

Feiner Rock aus Lübeck
FOXVILLE nennen sich die fünf blutjungen Burschen aus dem schönen Lübeck. Im Einzelnen sind dies:

o Flix (Gesang, Gitarre)
o Marius (Gitarre, Backing Vocals)
o Sören (Synthesizer, Backing Vocals)
o Dodo (Drums)
o Mike (Bass)

Sie wollen scheinbar nur beim Vor- bzw. Spitznamen genannt werden, deshalb übernehme ich es mal so. Vor allem die mitreisenden GODOJ-Hardcorefans erfüllten den halbstündigen Auftritt der Jungs mit viel Leben, und das völlig zu Recht. Erfrischender, abwechslungsreicher Rockpop, dem sehr viele verschiedene Einflüsse zugrunde liegen, schallte in meine Ohren. Vor allem die Synthi-Klänge taten dem Sound gut und hoben FOXVILLE so ein bisschen heraus aus den vielen jungen Alternative-Bands, die es heutzutage gibt. Mir hat es gefallen und ich wünsche der Truppe, dass die frisch erhältliche EP nicht das einzige Material bleiben wird, mit dem FOXVILLE ihre Fans erfreuen. Das nötige Potential für mehr besitzen Flix & Co. auf jeden Fall. Aber wir wissen ja, wie schwer es selbst für überdurchschnittlich talentierte Bands ist, sich auf dem vom Kommerz regierten Musikmarkt eine eigene kleine Nische zu schaffen.

Intelligenter Deutschrock, tolle Stimmung
Mich ärgerte bei aller guten Laune, die ich mitbrachte, mal wieder diese unsinnige, auf 21:00 Uhr angesetzte Anstoßzeit. Man bedenke, es war ein Dienstag, noch dazu waren etliche Fans von außerhalb angereist. Warum zum Teufel muss man sich die halbe Nacht um die Ohren schlagen, anstatt den Konzertbeginn auf 19:30 Uhr oder 20:00 Uhr zu legen? So wurde es jedenfalls beinahe 22:00 Uhr, als endlich das Intro ertönte, nach und nach unter lautem Jubel die Musiker ihre Instrumente suchten und glücklicherweise auch fanden, und zu guter Letzt der eigentliche Grund meines Hierseins die Bühne betrat: THOMAS GODOJ himself. Aus dem Jubel wurde ein ohrenbetäubender Kreischalarm. Der THOMAS' Haupt schmückende Hut wirkte zwar auf mich etwas befremdlich, aber das soll nun wirklich kein Kriterium sein.

"Mein letztes Hemd", der Opener des neuen Albums "Männer sind so", eröffnete den Reigen der - ich darf es vorwegnehmen - wirklich geilen Show. Eine flotte Rocknummer, von denen es im Laufe des Abends noch etliche zu hören gab. Sofort wachte auch die Fanmeute auf. Den ersten Dauerapplaus, begleitet von heftigem Füssetrampeln, ernteten die Heroes auf der Bühne nach "Helden gesucht", dem ersten großen Hit von THOMAS GODOJ, zu finden auf seinem Debütalbum "Plan A!" (2008). Ansonsten beschränkte sich die Setlist im regulären Teil des Konzertes auf Songs des aktuellen Albums, welches bis auf zwei Nummern komplett durchgespielt wurde, und etliche Tracks der vorletzten CD "So gewollt" aus dem Jahr 2011 (Ausnahme: "Autopilot"), die ich persönlich richtig Klasse finde. Wer erstmals live dabei war - wie ich beispielsweise - wird fasziniert gewesen sein von der Atmosphäre im Publikum und der Vielfalt der Songs. Da wurde mal heftigst gerockt, dann gab es wieder leise und gefühlvolle Töne. Letztlich überwogen aber die Nummern, die den Rock'n'Roller in THOMAS wecken konnten. Doch egal ob hart oder soft, immer wurde die Musik getragen von einem äußerst emotionsgeladenen, gut gelaunten THOMAS GODOJ. Wie ein Kapellmeister (es fehlte nur der Frack) stand er immer wieder am Bühnenrand und dirigierte die Aktionen seines Publikums, die das aber gar nicht gebraucht hätten, denn sie waren ohnehin total aus dem Häuschen und machten enorm viel Stimmung. Es wurde gekreischt, Arme hin- und hergeschwenkt, gehüpft, was eben so dazugehört. Textsicherheit war natürlich kein Thema, die war erwartungsgemäß vom ersten bis zum letzten Song gegeben. Selbst die neuen Nummern wurden fleißig mitgesungen, dabei ist das Album gerade mal 11 Tage auf dem Markt.

Bild

Es fällt schwer, irgendwelche Highlights aus dem Programm heraus zu picken, denn davon gab es einige. Vielleicht "Niemandsland", welches für mich zu den stärksten GODOJ-Nummern gehört. Hier setzt er sich kritisch mit unserer in vielen Dingen gleichgültigen Gesellschaft auseinander und verpackt das Ganze in eine von donnernden Gitarren dominierte Rocknummer:

"Rechts, links, rechts, links, taub rechts, blindlinks,
Augen zu und durch, so sieht's doch aus.
Sinkende Besucherzahl bei der Europawahl. Niemand da, alle schön zu Haus...
Die Mutter die ist geisteskrank, der Vater hat 'nen Waffenschrank,
hat irgendwer den Jungen heut' gesehen?
Mein Gott, das ist ein Niemandsland, das geht doch niemanden was an..."

Bild

Aber auch "Dächer einer ganzen Stadt", das geniale "Was wäre wenn", die ergreifende und hammermäßig gesungene Ballade "So wie die Sterne noch leuchten", "Ein Tag im Leben eines Anderen", "Wolken" - man könnte es beliebig fortsetzen. Vor allem fällt auf, hier hat einer was zu sagen. Keiner, aber auch wirklich kein einziger Song des Abends versinkt in textlichem Blabla, sondern hier wird Klartext gesprochen. Kein Thema ist zu heikel, Gesellschaftskritik wird genauso unverblümt angesprochen wie zwischenmenschliche Probleme, die Liebeserklärung an THOMAS' Ruhrpott-Heimat fehlt ebenso wenig wie die Aufarbeitung autobiografischer Erlebnisse. Da kann einer mit unserem deutschen Wortgut wunderbar umgehen, und zeigt das auch.

Erwähnen muss ich noch den Titelsong seines neuen Albums "Männer sind so". Die Nummer löste nach ihrem Erscheinen als Single-Auskopplung heftige und kontroverse Diskussionen unter den Fans aus. Klar, auf den ersten Blick bzw. Ton denkt man: Au weia, macht der GODOJ jetzt einen auf Musikantenstadl? Seichter Schunkel-Pop, den man so vom Meister eigentlich gar nicht kennt, da kann man schon erschrecken. Aber bei genauerem und mehrmaligem Hören erkennt man dann doch, dass auch hier viel mehr dahinter steckt. THOMAS GODOJ nimmt in sehr humorvoller Art die (vermeintlichen) männlichen Schwächen, und auch die oftmals übertriebenen weiblichen Reaktionen darauf, aufs Korn. Live entwickelt der Titel dann nochmal eine spezielle Eigendynamik, zumal die hier eingesetzte Ukulele für einen klanglichen Farbtupfer sorgt. Da brauchte THOMAS vorher gar nicht zu erklären, wie sehr ihm "Männer sind so" am Herzen liegt - das Publikum kann gar nicht anders, als auch hier ordentlich zu feiern.

Bild

THOMAS GODOJ rockte die Halle mit seiner ehrlichen, natürlichen Art. Das kann ich ohne jede Übertreibung sagen. Der soll mal das DSDS-Theater mitgemacht haben? Schwer zu glauben. Man könnte eher meinen, da steht einer auf der Bühne, der von je her mit der Rockmusik verwachsen ist und nie etwas anderes machen wollte. Seine Performance war authentisch und glaubwürdig, seine Mimik wirkte nie übertrieben oder aufgesetzt, sondern passt wie die Faust aufs Auge zur Musik und den Texten. Das ist schon beeindruckend. Der hervorragende Sound tat sein Übriges. Es klang einfach nur rockig und fett, man brauchte keine elektronischen Spielerchen von der Konserve. GODOJs Musiker

o Sebastian Netz (Gitarre)
o Tobias Born (Gitarre)
o Sebastian Naas (Bass)
o Torsten Bugiel (Drums)

sind handverlesen und harmonieren prächtig miteinander. Logisch, spielen sie doch teilweise schon seit Jahren zusammen. Tolle Männer, die sichtbar Spaß an ihrem Job hatten.

Mit dem "Papierflieger" vom neuen Album endete der offizielle Teil. Die Fans hatten sich dazu eine besondere Choreografie ausgedacht. Zum Refrain flogen nämlich ganz viele selbstgebastelte - na was wohl? - Papierflieger auf die Bühne, sehr zum Spaß der Band.

Bild

Beim Zugabenteil brillierten die Musiker dann nochmal so richtig. "Wenn ich geh" ist eine großartige Rocknummer, die eingeleitet wurde durch ein Schlagzeug-Solo von Torsten Bugiel, zu dem sich nach und nach die Gitarre von Sebastian Netz einklinkt, ehe dann der Rest dazu stieß. Mit "Liebe zur Sonne" gab es den nächsten Burner gleich hinterher - was für ein geiler Song! Da wurden so richtig alle Bremsen gelöst und sämtliche Rocker-Säue durch's Dorf getrieben. Der Track stammt übrigens noch aus THOMAS' Leben vor DSDS, als er nämlich Sänger bei WiNK war. Mein persönlicher Wunsch: rauf damit auf's nächste Album! Den Schlusspunkt setzte "Wenn Du tanzt". Noch so eine Powernummer. Keine Ahnung, auf wessen Mist der Titel gewachsen ist, aber er ist als "Hidden Track" auf dem neuen GODOJ-Album zu finden.

Es war ein gelungener Schlusspunkt unter ein wirklich tolles Konzert eines Mannes, der es verdient hätte, mit seiner Musik mehr Beachtung zu finden. Das ist vielschichtiger, kraftvoller, aber dennoch ungeglätteter Deutsch-Rock mit intelligenten Texten, der aber wahrscheinlich für die hiesigen Radiostationen schon wieder zu anspruchsvoll ist und damit vermutlich dem immer gleichen amerikanischen Chartsoßenbrei gefährlich werden könnte. Egal, dieser THOMAS GODOJ, wie ich ihn am Dienstag im Konzert erlebt habe, und wie er sich auf seinen CDs präsentiert, ist eine exzellente Bereicherung der deutschen Musikszene. Das muss sich nur endlich herumsprechen.

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Danach kommen noch Bilder und YouTube-Vids
Glaub mir, es gibt Wände, die sind dicker als dein Kopf. Daniel Wirtz
Benutzeravatar
shana
 
Beiträge: 1827
Registriert: 09.2010
Wohnort: bei Stuttgart
Highscores: 4
Geschlecht: weiblich

Re: Berlin am 11.6.13

Beitragvon Lotte » 17. Jun 2013, 06:31

Danke für diesen supertollen Bericht, Torsten Meyer :wow:



und danke fürs Einstellen, liebe Shana :knutsch:
Benutzeravatar
Lotte
 
Beiträge: 1723
Registriert: 09.2010
Wohnort: im schönen Hessen
Geschlecht: weiblich

Re: Berlin am 11.6.13

Beitragvon rivella2 » 17. Jun 2013, 16:36

so ein genialer konzertbericht!

danke fürs einstellen liebe shana.

aber dass er ausgerechnet lzs so loben muss ;-)
rivella2
 
Beiträge: 297
Registriert: 09.2010
Geschlecht: nicht angegeben

Re: Berlin am 11.6.13

Beitragvon kirina » 21. Jun 2013, 22:04

ah Shana... :lieb: :knutsch: :lieb:

DANKE, DANKE und nochmals DANKE :frühling2: :party76: :frühling2:

für's Einstellen.
EIN SUPER-BERICHT!!!
:sterntaler: :drachnma: :drachnma: :drachnma: :sterntaler:

lg kirina
Benutzeravatar
kirina
 
Beiträge: 250
Registriert: 09.2010
Wohnort: Schweiz
Geschlecht: weiblich

Re: Berlin am 11.6.13

Beitragvon letitbe » 22. Jun 2013, 10:35

Torsten, ick könnt dir knutschen :knutsch:


danke fürs Finden und Einstellen, shana, auch du kriegst nen :knutsch:
Bild
Benutzeravatar
letitbe
 
Beiträge: 1058
Registriert: 09.2010
Wohnort: ganz weit im Westen
Highscores: 4
Geschlecht: weiblich

Re: Berlin am 11.6.13

Beitragvon Lotte » 25. Jun 2013, 06:41

Nachschlag :mütze:

Album-Rezension "Männer sind so" von Christian Reder bei >> http://www.deutsche-mugge.de/neuerschei ... nd-so.html <<


Eigentlich haben wir uns mit dem Thema 'Deutschland sucht den Superstar' einmal auseinandergesetzt und dazu auch alles gesagt (bzw. geschrieben), was es darüber zu sagen gibt. Ihr erinnert Euch vielleicht noch an das Interview mit Annemarie Eilfeld, in der es tiefe Einblicke hinter die Kulissen dieses fragwürdigen Formats gab. Schon lange haben wir festgestellt, dass diese Sendung kein Schwein braucht, und dass die darin verheizten Sängerinnen und Sänger so haltbar wie ein angebrochener Becher Sahne sind. Nachdem man sich durch ein Casting mit ganz besonders wichtigen Menschen in der Jury gekämpft und irgendwo in der Südsee eine Art Ferienlager mit (Nach)Singeveranstaltungen überstanden hat, covert man sich ein paar Wochen in diversen Samstagabendshows (bei RTL heißen sie "Mottoshows") durch die Musiklandschaft und tut extrem wichtig. Am Ende wird eine(r) vom Publikum zum Dschungelkönig... ach ne, das kommt ja erst später... zum Sieger gewählt, und darf dann von Dieter Bohlen vorgefertigte Pop-Nummern im Studio aufnehmen, die genaus unappetitlich klibberig und seicht sind, wie man die Werke des Meisters halt schon seit einer gefühlten Ewigkeit kennt. Der Heinz Konsalik der deutschen Musikszene (Kennste einen, kennste alle) schiebt seine Schützlinge nach der Staffel musikalisch immer in diese Ecke, wo sich schön leicht Geld verdienen lässt - solange er es produziert. Ein Einstieg in die Charts, vielleicht auch zwei... sind die Folge und irgendwann kräht nach den "Superstars" kein Hahn mehr. Oder weiß einer von Euch noch, wer 2006 die Staffel gewonnen hat? Das ist auch kein Wunder, denn der eine jodelt heute fröhlich in irgendwelchen Musicals, die andere hat das Mikrophon an den Nagel gehängt und ist heute Lehrerin (hoffentlich nicht für Musik), ein anderer hat sich in den letzten Monaten seiner "Karriere" überall von der Bühne herunter so daneben benommen, dass er heute kein Musiker mehr sein möchte, und was aus den anderen geworden ist, weiß nur der Geier. Vermutlich singen die inzwischen bei Baumarkteröffnungen und Schützenfesten im Sauerland. Hat denn wirklich keiner in der Form überlebt, dass man davon auch noch Notiz nimmt? Doch! Einer..

Der Name des jungen Mannes ist Thomas Godoj. Wir gestehen ihm den Fehltritt mit DSDS einfach mal unter dem Motto "jugendlicher Leichtsinn" zu und freuen uns dafür umso mehr, dass sich der nette Typ aus dem Ruhrpott komplett von diesem Format abgenabelt hat und sich mit eigenen Liedern und beeindruckenden Live-Vorträgen (siehe Bericht meines Kollegen Torsten über das Konzert in Berlin HIER) erfolgreich im deutschen Musikgeschäft etabliert hat. Thomas Godoj und seine Musik sind von der Bohlen'schen 08/15-Hitschmiede inzwischen so weit entfernt, dass man dafür schon längst nicht mehr mit dem Fernglas auskommt, sondern dafür eher eine Landkarte benötigt um beide zu finden. Godoj macht inzwischen eigene Rockmusik mit Herz und Verstand und stattet sie mit deutschen Texten aus, die dem Hörer etwas zu sagen haben. Ganz im Gegensatz zu dem "Take me tonight" und "Call My Name"-Gerümpel "Made by Bohlen". Damit ist er DAS Beispiel, wie man DSDS für die eigenen Zwecke nutzen kann, statt sich ausnutzen zu lassen. Er hat den Spieß einfach mal umgedreht (normalerweise schöpft immer RTL den Rahm ab und nicht umgekehrt). Sowas sollte nicht unbeachtet bleiben, und darum beschäftigen wir uns dann doch nochmal mit einem der "Ehemaligen" aus dem RTL-Brutkasten für "Superstars".

Soeben ist sein neustes Album "Männer sind so" erschienen. Ja, wie sind Männer denn eigentlich? Mal sehen, ob wir auf seiner CD eine Antwort bekommen. Diese startet mit dem Song "Mein letztes Hemd". Schon der erste Song bläst uns mit einem Gitarren-Intro, wie es auch ein Jimi Hendrix nicht hätte besser spielen können, den Staub aus dem Gehörgang. Rums, da sind wir schon im Universum des Thomas Godoj. Gleich die erste Nummer macht mehr als deutlich, dass wir hier keinen Pop von der Stange bekommen. Ne... hier wird amtlich gerockt, was das Zeug hält. Inhaltlich ist "Mein letztes Hemd" eine Abrechnung mit der Verflossenen, die ihn "bis auf den Kern geschält" hat. Mit der Aufforderung "Geh, und nimm mein letztes Hemd", jagt er die Gute dann zum Teufel, damit sein "Leben jetzt neu anfängt". Wow, was für ein Song. Die Musik passt zum Thema und Godoj singt es überzeugend. Das geht ja gut los...

Dem Opener steht auch "Wo wir sind" an Position zwei der CD in nichts nach. Es ist die Hymne für seine (und meine) Heimat, das Ruhrgebiet. In dem im Digipak eingeklebten Begleitheftchen findet man dann zum Songtext auch ein passendes Foto: Thomas Godoj lehnt an der Wand eines für die Gegend hier typischen Kiosks und einer typischen Ruhrpott-Hausfront. "Das Revier braucht keine Schminke, für uns ist das perfekt", singt er da und erklärt so seine Liebe zur Heimat, dem Ruhrgebiet, also "Hier wo wir sind". Das ist wahre Volksmusik! Das hat Klasse!

So überzeugend wie der Recklinghäuser rockt, so überzeugend ist er auch im Fach "Ballade". Mit "Rückwärts" bekommen wir die erste auf diesem Album zu hören. Es ist der Wunsch, nochmal von vorne anfangen zu können, der hier in einem Lied vertont wurde. Es geht um die Beziehung, die inzwischen offenbar mehr Routine als Liebe ist ("In unserem Bauch wären wieder Schmetterlinge... Wer hat gesagt, es kann nie wieder so wie zu unserem Anfang sein") und der Versuch, sich wieder neu zu verlieben und die Beziehung so zu retten. Man geht einfach "zurück an den Ort, wo alles begann", um für die Liebe zu kämpfen. Ein Song, der wirklich berührt und eine weitere Hymne auf dieser bis dahin erstklassigen Scheibe!
Ein weiterer Song heißt "Was wäre wenn", der in der akustischen Version am Ende dieser Seite als Video zu finden ist. Es ist eine simpel erzählte Geschichte über einen Typen, bei dem am Anfang seiner Karriere alles wie geschmiert lief, der sein Ziel aber am Ende nicht erreichen konnte, weil der Erfolg ausblieb. Das verleitet zur Frage, "Was wäre wenn" man etwas anders gemacht hätte und wie das Leben dann heute so aussehen würde. Aber es folgt auch die Erkenntnis, dass das Leben sowieso nicht nach Regeln "tanzt", egal was man "plant oder glaubt", und die Frage, ob man wirklich wüsste, was Leben heißt, wenn sich ein solches komplett planen ließe... Liest man den Text vor dem Hören des Songs, ist man sich ziemlich sicher, dass das so nicht in Musik umzusetzen ist. Doch Thomas Godoj überrascht auch hier wieder und überzeugt uns vom Gegenteil und gleichzeitig davon, dass er wohl auch aus den ersten drei Seiten eines Telefonbuchs 'ne leckere Ballade oder einen knallharten Rocksong zaubern könnte. Zur Musik wäre zu sagen, dass bis auf den Refrain die erzählenden Strophen musikalisch recht ruhig gehalten sind, und die lauten Töne immer dann kommen, wenn die Frage gestellt wird, "Was wäre wenn, wäre es das gewesen".
Dass Thomas Godoj auch eine gehörige Portion Humor hat, wird im letzten Stück auf der CD deutlich. Das dem Album den Namen gebende "Männer sind so" gibt die Antwort auf die eingangs schon gestellte Frage, wie wir Männer denn eigentlich wirklich sind. Godoj listet hier gepflegt all die Klischees und Vorurteile auf, die uns Männern immer gern nachgesagt werden, z.B. dass wir vergesslich in Bezug auf wichtige Termine (im Song ist das Omas Geburtstag), schlampig im Haushalt (wir lassen unsere Wäsche überall liegen) und immer zu spät sind. Abschließend stellt er dann auch fest, dass es gut ist, dass man sich so grundlegend von der weiblichen Hälfte der Beziehung unterscheidet, denn wir Männer könnten ohne die Frauen keinen Tag allein überleben ;-) Das Ganze trägt Godoj mit einem unüberhörbaren Augenzwinkern vor, was er mit der Wahl seiner Musik für das Stück auch noch extra dick unterstreicht. Mit Glockenspiel, Ukulele und flottem Pop-Beat kommt er uns am Ende seiner neuen CD. Die Nummer erinnert mich ein klein wenig an "Call Me Maybe" von Carly Rae Jepsen. Was für ein Kontrast zum Rest der vorher gehörten Songs, und trotzdem ein sehr gelungenes Stück für den, der mit dieser Art Humor umgehen kann. Am Ende dieser Seite findet Ihr auch das offizielle Video zu der Nummer...

Dies sind nur einige der Songs auf Thomas Godojs neuem Album. Sie stehen stellvertretend für ein sehr gut produziertes Album, Songs mit Tiefgang und immer wieder auftauchenden Überraschungen. Auch wenn es krachende Gitarren und im Hendrix'schen Stil gespielte Intros zu hören gibt, so liegt der Schwerpunkt von "Männer sind so" bei eher nachdenklichen und balladesken Stücken wie z.B. "Wolken", das sich intensiv mit den Missständen in Politik und Gesellschaft auseinander setzt, das eben schon erwähnte "Was wäre wenn" oder der "Papierflieger". Die Songs auf Godojs viertem Studioalbum gefallen durch ihren Inhalt, die Arrangements und einer ausgesprochen guten Melodieführung. Die Inhalte bringt der Musiker ehrlich und glaubhaft rüber, und da sind wir auch schon beim Punkt: Die Lieder haben alle eine Aussage - von belanglosem Bla Bla Bla keine Spur. Seine Stimme hebt sich zudem deutlich von denen anderer Sänger unserer Musikszene ab, womit auch die Frage nach der Wiedererkennbarkeit beantwortet ist. Ich bin ehrlich gesagt positiv überrascht von dieser CD, die nicht nur inhaltlich, sondern auch von der Aufmachung her ein interessantes Gesamtwerk ist. Die CD hat für meinen Geschmack nicht einen einzigen Fehltrack oder Füllmaterial. Jedes Stück hat seine eigene Geschichte und Leben. Das macht es zusätzlich interessant. Ich wünsche Thomas Godoj, dass man ihn schon bald nicht mehr an seinen Sieg und seiner Teilnahme bei DSDS festmacht, sondern von seinen Liedern, seinem Stil und über ihn als eigenständigen Künstler spricht.
(Christian Reder)
Benutzeravatar
Lotte
 
Beiträge: 1723
Registriert: 09.2010
Wohnort: im schönen Hessen
Geschlecht: weiblich

Re: Berlin am 11.6.13

Beitragvon kirina » 25. Jun 2013, 17:39

DANKE LOTTE :lieb: :lieb: :party76:

fürs Einstellen :frühling2: :drachnma: :frühling2:


liebe Grüsse
kirina
Benutzeravatar
kirina
 
Beiträge: 250
Registriert: 09.2010
Wohnort: Schweiz
Geschlecht: weiblich


Zurück zu "Konzerte"



Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast